Zur rechten Zeit

Vor einigen Tagen habe ich mein Studium abgeschlossen.

Seitdem ist etwas Seltsames passiert:

Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, nirgendwo hin zu müssen.

Keine Prüfung wartet mehr auf mich.

Keine Abgabe.

Kein Kapitel, das noch überarbeitet werden will.

Kein Termin, auf den ich mich vorbereiten sollte.

 

Ich habe lange auf diesen Moment hingearbeitet.

Und trotzdem fühlt er sich anders an, als ich es erwartet hätte.

Nicht spektakulär.

Eher ruhig.

Als wäre plötzlich Raum entstanden.

Raum zum Nachdenken.

Raum zum Zurückschauen.

Raum für all die Gedanken, die währenddessen keinen Platz hatten.

 

In den letzten Tagen habe ich deshalb oft an den Anfang gedacht.

Nicht an einen bestimmten Moment, sondern an die junge Frau, die damals ungefähr zu wissen glaubte, wie die nächsten Jahre aussehen würden.

Dabei ist fast nichts so gekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Je länger ich zurückblicke, desto weniger erscheint mir das Studium wie eine Aneinanderreihung von Semestern, Lehrveranstaltungen und Prüfungen.

Es wirkt vielmehr wie eine Zeit, in der ständig etwas anderes gelernt wurde als das, was im Vorlesungsplan stand.

 

Als ich anfing zu studieren, ging es zunächst darum, mich zurechtzufinden.

In einer neuen Umgebung.

Mit neuen Menschen.

Mit neuen Anforderungen.

Vieles fühlte sich ungewohnt an.

Manches auch einsam.

Damals dachte ich oft, dass man möglichst schnell dort ankommen müsse, wo man eigentlich sein möchte.

Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob Ankommen überhaupt so funktioniert.

Denn rückblickend haben gerade die Phasen, die sich unfertig oder ungeordnet angefühlt haben, ihren Platz in diesem Weg.

Die Umwege ebenso wie die Fortschritte.

Die Zweifel ebenso wie die Entscheidungen.

 

Irgendwann wurde das Studium nur noch einer von vielen Teilen meines Lebens.

Der Sport wurde wichtiger.

Freundschaften entwickelten sich.

Neue Projekte kamen hinzu.

Ich begann zu arbeiten.

Das Leben wurde größer, voller und vielfältiger.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass alles gleichzeitig stattfand.

Während andere scheinbar geradlinig vorankamen, bewegte ich mich oft in Schleifen.

Prüfungen wurden verschoben.

Pläne verändert.

Prioritäten neu gesetzt.

Lange Zeit betrachtete ich das vor allem als Abweichung vom eigentlichen Weg.

Heute frage ich mich, ob es nicht längst der Weg selbst war.

 

Vielleicht besteht einer der größten Irrtümer darin zu glauben, Entwicklung verlaufe geradlinig.

Als würde man einen Punkt nach dem anderen abhaken und am Ende dort stehen, wo man immer hinwollte.

Mein Studium hat mich etwas anderes gelehrt.

Dass manche Dinge Zeit brauchen.

Dass nicht jede Entscheidung sofort verständlich ist.

Und dass man Zusammenhänge oft erst erkennt, wenn man längst mitten in ihnen steht.

 

Mehr als einmal spielte ich mit dem Gedanken, das Studium abzubrechen.

Nicht aus Enttäuschung.

Vielmehr deshalb, weil mein Leben zwischenzeitlich woanders stattfand.

Die Arbeit machte mir Freude.

Ich war gern beschäftigt.

Es gab viele spannende Aufgaben, Projekte und Möglichkeiten.

Trotzdem blieb irgendwo ein Gedanke.

Leise, aber hartnäckig.

Dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war.

Heute denke ich, dass manche Entscheidungen lange in einem wachsen, bevor sie sichtbar werden.

 

Als ich schließlich meinen unbefristeten Arbeitsvertrag kündigte und in Vollzeit an die Universität zurückkehrte, fühlte sich das weniger wie ein mutiger Schritt an als wie die konsequente Fortsetzung eines Weges, den ich schon lange gegangen war.

Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Plötzlich machte mir das Studieren wieder große Freude.

Nicht, weil es einfacher geworden wäre.

Sondern weil ich aufgehört hatte, mich ständig mit einem Zeitplan zu vergleichen.

 

Die Prüfungen, vor denen ich jahrelang Respekt gehabt hatte, verloren ihren Schrecken.

Aus einem Ziel in weiter Ferne wurde Schritt für Schritt Realität.

Es war, als würden sich Dinge langsam zusammenfügen.

Nicht auf einmal.

Nicht spektakulär.

Aber so, dass ich irgendwann bemerkte, dass aus vielen einzelnen Erfahrungen etwas Ganzes geworden war.

 

Wenn ich heute an die Bachelorarbeit denke, muss ich darüber schmunzeln, wie unwahrscheinlich manches erscheint.

Dass mich dieser Weg bis nach Japan führen und diese Erfahrung schließlich Teil meiner Abschlussarbeit werden würde, hätte ich Jahre zuvor niemals vorhergesehen.

Vielleicht liegt genau darin etwas, das mich schon lange fasziniert.

Während wir leben, erscheint vieles zufällig.

Erst später erkennen wir Muster.

Erst später sehen wir Verbindungen.

Erst später verstehen wir, warum manche Türen sich geschlossen und andere geöffnet haben.

Was geht und was nicht, weiß man tatsächlich oft erst hinterher.

 

Die Abschlussprüfung.

Ich erinnere mich an die Stunden davor.

Nicht, weil etwas Außergewöhnliches passiert wäre.

Sondern weil sie so gewöhnlich waren.

Ich saß dort und wartete.

Und irgendwann wurde mir bewusst, dass dieser Moment, auf den ich so lange zugesteuert hatte, nun einfach gekommen war.

Weder die Nervosität noch die Erleichterung sind mir besonders in Erinnerung geblieben.

 

Was geblieben ist, sind die Menschen.

Meine Familie.

Meine Freunde.

All jene, die mich über die Jahre begleitet haben.

Menschen, die da waren, als vieles noch offen war.

Die sich jetzt mit mir freuen.

Die den Weg vielleicht anders erlebt haben als ich, ihn aber trotzdem ein Stück mitgegangen sind.

Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.

 

Was als Nächstes kommt, weiß ich nicht.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit empfinde ich das nicht als Problem.

Früher hätte ich wahrscheinlich sofort begonnen, den nächsten Plan zu schmieden.

Die nächste Aufgabe zu suchen.

Das nächste Ziel festzulegen.

Heute nicht.

Heute möchte ich diesen Moment bewusst wahrnehmen.

Nicht, weil alles perfekt gelaufen wäre.

Sondern weil es gut ist, manchmal stehenzubleiben und zu sehen, wie weit man gekommen ist.

Von hier aus sehe ich noch nicht alles, was vor mir liegt.

Aber ich sehe den Weg hinter mir.

Und im Augenblick ist genau das genug.

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